reload my world

Eine Neuseeland-Reise und das Leben danach

Ich kann jederzeit kündigen – und telefonieren tu ich ja auch gerne

mit 2 Kommentaren

Ganz technisch weißt du ja „Ich habe immer die Wahl“.

Du kannst ja jederzeit deinen Job kündigen und einen anderen machen. Klar. Erstens gibt’s davon ja massiv viele und zweitens haben die nur auf dich gewartet.

Realistischer ist doch: Du kündigst, bekommst eine dreimonatige Sperre von der Arbeitsagentur und findest dich ein paar Monate (oder auch Wochen) später in einem Call Center wieder.

Abgebrannte Mittzwanziger, die dir mit einem Blick begegnen der so leer ist, dass dein 12 Jahre alter Opel Corsa mit TÜV bis nächste Woche locker Platz drin finden würde.
Übereifrige Studenten, die Thermobecher-bewaffnet an dir vorbeirauschen und dir auf dem Raucherbalkon ohne Umschweife mitteilen: „Nächste Woche bin ich weg aus dem Drecksladen“. Projektleiter in ausgewaschenen Bluejeans und schlacksig sitzendem, queer gestreiftem Poloshirt schleichen um deinen Arbeitsplatz herum und versuchen mit garstigem Blick deine Freundlichkeit gegenüber dem am anderen Ende bis zum Bauchnabel in Scheiße stehendem Kunden ins unermessliche zu steigern sowie gleichzeitig die Gesprächszeit unter die magische Grenze von 10 Sekunden zu drücken.

Dies ist – erstens – das letzte Woche vom Team B, welches zwei Stockwerke unter dir in den mit HP-Thinclient und Microsoft Remote Desktop bewaffneten Kunden-Schießständen, mit knackigen 200 Gesprächen pro Schicht, geradezu überschallartig erreichte Ziel.

Und zweitens ist es dem Auftragnehmer – so nennt man sich in Fachkreisen gerne selber – nur so möglich, die Umsätze zu steigern und aus der immer weithin, auch aus dem Fenster, sichtbaren Verlustzone heraus zu telefonieren.

Um in der Gewinnzone zu landen, müssen weiterhin dem schon komplett am Boden liegenden, nur noch schwach mit den Augen zuckendem Kunden neue Technik im Gesamtwert von mindestens 1000€ angeboten und unter Einsatz von unterschwellig ins Gespräch eingestreuten Drohungen wie z.B. „Das mit der Lösung ihres jetzigen Problems könnte sich sonst noch ein wenig länger hinziehen“ wie selbstverständlich auch verkauft werden.

Nicht zu vergessen ist, wie sollte es bei 10 Sekunden Gesprächszeit auch anders sein, dass wichtige Details, wie beispielsweise die Verlängerung der bestehenden Verträge bis weit über 2020 hinaus und der Abschluss von mindestens 2 weiteren Verträgen für Angebote des Konzerns, die auf garkeinen Fall am derzeitigem Ort des seit 2 Wochen in Tränen aufgelösten Kunden verfügbar seien dürfen. Oder doch zumindest nur einen Bruchteil nach Einsatzes von 5 Technikern möglich sein sollte. Diese wiederrum dürfen keinesfalls an einem vereinbarten Termin auftauchen. Der Kunde soll durch solch einen Termin nur ermutigt werden, auch mal wieder einen Tag frei zu nehmen und zuhause zu entspannen. Gerade durch das völlig unerklärliche Nicht-Vorhandensein von Internet, Telefon und Fernsehen wird ein solcher Prozess der Tiefenentspannung ja geradezu begünstigt, wenn nicht erst dadurch wirklich möglich.

Genug für den Moment. Was ich ja eigentlich nur damit sagen wollte: Bevor du deinen Job kündigst oder deinem Chef die Meinung sagt, denke bitte daran: Das nächste Call Center steht direkt um die Ecke!

Übrigens: Das Schreiben dieses Eintrags hat wirklich gerade extrem viel Spaß gemacht :). Das kann ich euch sagen!

Euer Christoph

Geschrieben von Christoph

4. November 2011 um 13:37

Veröffentlicht unter Gedanken

mit 2 Kommentaren

%d Bloggern gefällt das: